Aufklärung statt Schweigen
Der Sitzungssaal des Weißenfelser Rathauses war am Abend des 23. Märzes 2026 bis auf den letzten Platz belegt. Etwa 60 Frauen waren zu der Veranstaltung „Peri Meno“ gekommen. Die kommunale Gleichstellungsbeauftragte Katja Henze hatte zu der Lesung mit anschließender Gesprächsrunde zusammen mit der Autorin und Illustratorin Rinah Lang und der Weißenfelser Gynäkologin Dr. med. Nadine Homagk eingeladen – ein Novum, denn das Thema Wechseljahre hatte bisher bei keiner Veranstaltung der Stadt Weißenfels eine Rolle gespielt. Die große Resonanz überwältigte die Veranstalterinnen und bestätigte sie darin, dass es an der Zeit ist, öffentlich über die Peri-Menopause und die damit einhergehenden Veränderungen im Körper von Frauen zu informieren und über Behandlungsmöglichkeiten von Beschwerden aufzuklären.
Über ihre persönlichen Erfahrungen in der Peri-Menopause berichtete Rinah Lang, indem sie Ausschnitte aus ihrem Buch „Peri Meno“ vorlas. Dabei bekamen die Gäste auch etwas zu sehen, denn die Berlinerin hat ihre Geschichten als Comic illustriert. Die Kombination aus autobiografischen Inhalten und medizinischem Wissen kam gut beim Publikum an. Viele Frauen erkannten sich in Rinah Langs Schilderungen von schlaflosen Nächten, Gelenk- und Muskelschmerzen, Stimmungsschwankungen und Hitzewallungen wieder. Beschwerden, mit denen Frauen oft über Jahre hinweg alleine gelassen werden, weil Wissenschaft und Medizin dieses wichtige Thema bisher komplett vernachlässigt haben.
Dabei sind allein in Deutschland etwa neun Millionen Frauen betroffen. In der Saalestadt sind es mit knapp 4.000 Frauen etwa 20 Prozent aller Weißenfelserinnen. Durchschnittlich hat etwa ein Drittel von ihnen in der Peri-Menopause starke Beschwerden, die ihre Lebensqualität einschränken und dringend behandelt werden müssten. Ein weiteres Drittel hat leichte Beschwerden und nur bei einem Drittel verläuft diese Lebensphase komplett ohne Symptome. Für Katja Henze stand deshalb fest, dass Aufklärung und Information dringend notwendig sind. „Viele Frauen erleben Veränderungen in ihrem Körper, ohne zu wissen, was dahintersteckt und welche Möglichkeiten zur Linderung von Beschwerden es gibt. Uns ging es vor allem um die Entstigmatisierung der Peri-Menopause. Denn diese Frauen sind nicht krank. Die Wechseljahre müssen als Teil des Frauenlebens erkannt und anerkannt werden“, sagte die Gleichstellungsbeauftragte.
Aus dem Alltag in ihrer Praxis für Frauenheilkunde und funktionelle Medizin berichtete Dr. med. Nadine Homagk. Dabei kritisierte sie, dass der Frauengesundheit gesellschaftlich zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt wird. So sei es für Frauen noch immer eine Frage des Glücks, ob ein behandelnder Arzt bei Beschwerden mögliche Ursachen der Peri-Menopause bedenkt. Denn im Medizinstudium spielen die Wechseljahre keine Rolle. Dabei seien neben der Gynäkologie auch andere medizinische Berufsfelder betroffen. Als Beispiel nannte die Frauenärztin hormonell bedingte Trockenheit der Schleimhäute, die eben nicht nur im Intimbereich, sondern im ganzen Körper auftrete und unter anderem Gelenkschmerzen, Augenprobleme, Darmbeschwerden oder Parodontose verursachen könne.
Im anschließenden Gespräch mit den Gästen zeigte sich, dass es den Veranstalterinnen gelungen war, einen Raum zu schaffen, in dem sich die Frauen verstanden und gehört fühlten. So sprachen viele Teilnehmerinnen offen über ihre persönlichen Erfahrungen und stellten Fragen zu ihren aktuellen Beschwerden. Ihr Vertrauen zahlte sich aus, denn Dr. med. Nadine Homagk ging auf jeden einzelnen Fall ein und gab den Frauen konkrete medizinische Empfehlungen und hilfreiche Tipps mit auf den Weg. Ein zentrales Thema war in diesem Zusammenhang die Hormonersatztherapie, über die in der Öffentlichkeit noch immer Vorurteile kursieren. So lehnen viele Frauen aus Angst vor einem erhöhten Krebsrisiko die Präparate ab. Laut Dr. med. Nadine Homagk ein Mythos, denn in den vergangenen Jahren wurden die Medikamente weiterentwickelt. Für Frauen mit starken Beschwerden seien Hormonpräparate deshalb die einzig wirksame Lösung. Zu bedenken gab die Gynäkologin auch, dass unbehandelte Folgen von Wechseljahresbeschwerden wie Schlafmangel, Bewegungsmangel oder Gewichtszunahme das Krebsrisiko deutlich stärker erhöhen. Darüber hinaus sprach die Ärztin über pflanzliche Wirkstoffe und Nährstoffpräparate wie Magnesium oder B‑Vitamine, die ebenfalls zur Linderung von Symptomen beitragen können.
Wie wichtig diese Aufklärungsarbeit aus ökonomischer Sicht ist, klang bei der Veranstaltung auch kurz an. Denn unbeachtete und unbehandelte Wechseljahresbeschwerden haben nicht nur für den Alltag der einzelnen Frau, sondern für die gesamte Gesellschaft enorme Konsequenzen. So sind etwa 88 Prozent der Frauen in dieser Lebensphase beruflich tätig. Katja Henze berichtete von einer Studie der Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin, wonach aufgrund körperlicher Symptome jede dritte Frau in diesem Alter länger krank ist und etwa jede vierte Frau ihre Arbeitszeit reduzieren möchte. Jede zweite Frau über 55 Jahren denke über einen vorzeitigen Renteneintritt nach. Laut der Studie liege der volkswirtschaftliche Schaden im Milliardenbereich. Die Wechseljahre sind folglich mitnichten eine Privatangelegenheit der Frauen, sondern ein gesellschaftlich relevantes Thema.
Die Veranstaltung „Peri Meno“ war Teil des diesjährigen Programms des Weißenfelser Frauenmonats. Nach der Lesung und der Gesprächsrunde nutzten viele Teilnehmerinnen die Gelegenheit, das Buch von Rinah Lang zu erwerben. Der Bücherverkauf wurde durch die Weißenfelser Seumebuchhandlung realisiert. Rinah Lang signierte jedes Exemplar und fertigte für jede Käuferin zusätzlich eine individuelle Zeichnung an.