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Datum: 01.04.2026

Großes Interesse an Familienforschung und historischen Recherchen

Das Weißenfelser Stadtarchiv hatte im Jahr 2025 insgesamt 323 schriftliche Anfragen. Im Vergleich zu den 303 Anfragen im Vorjahr war das ein leichter Anstieg. Vor Ort recherchierten insgesamt 165 Personen zu historischen Inhalten. Hier lag der Anteil im Vorjahr mit 140 Personen ebenfalls etwas niedriger. Erstmals seit dem Deckeneinsturz im Jahr 2018 führte das Archivteam wieder ein gemeinsames Projekt mit Schülerinnen und Schülern durch. Viertklässler der Grundschule Langendorf tauchten dabei in die Stadtgeschichte ein, sichteten alte Klassenfotos, Postkarten und Zeitungen und erhielten spannende Einblicke in das sonst nicht öffentlich zugängliche Magazin des Stadtarchivs. Besonders begeistert waren viele, als sie die Altdeutsche Schrift kennenlernten und am Ende ihren eigenen Namen in Fraktur schreiben konnten.

Bei den schriftlichen Anfragen setzte sich wie in den Vorjahren der Trend der Familienforschung und Erbenermittlung fort. Von den 323 Anfragen beschäftigen sich 192 Schreiben mit diesem Themenfeld. Zuarbeiten erfolgten aber beispielsweise auch anlässlich des 80. Jahrestages des Kriegsendes in Weißenfels im April, der ersten freien Kommunalwahlen im Jahr 1990 und des 125. Jubiläums der Stadtbibliothek Weißenfels. Besonders interessant war der Rechercheauftrag eines Nachfahren der Weißenfelser Firma „Paul Stehning“. Die Mitarbeiter der Kupferschmiede hatten nach einem Brand des Schlossturmes im Dezember 1932 eine neue Turmkugel gefertigt. Das Weißenfelser Tageblatt berichtete im Juli 1935 in mehreren Artikeln darüber, wie die 650 Kilogramm schwere Kugel mit einem Durchmesser von zwei Metern von der Merseburger Straße bis zum Schlosshof transportiert und dann mithilfe eines Gerüstes auf den Turm gehoben wurde. Auch die Stadtchronik hält das Ereignis fest. Kurz nach Abschluss der Nachforschungen erhielt das Archivteam im August 2025 ein aktuelles Foto von der Turmkugel. Aufgenommen hatte es ein städtischer Mitarbeiter, während er die Weißenfels-Fahne auf dem Turm ausgetauscht hatte. Das Bild zeigt deutlich die Innenschrift der Firma „Paul Stehning“ mit Fertigungsdatum der Kugel.

Wie in diesem Fall sind es häufig mehrere Quellen, auf die Besucherinnen und Besucher zurückgreifen, um verschiedene Puzzleteile der Vergangenheit zusammenzufügen. So wurden bei den Vor-Ort-Recherchen insgesamt 382 Archivalien gesichtet – darunter Akten aus verschiedenen Jahrhunderten, historische Zeitungsartikel und Bücher sowie Briefe, Fotografien und Postkarten. In seltenen Fällen helfen die Mitarbeiterinnen auch spontan und begeben sich mit Gästen auf Spurensuche. So geschehen im Sommer 2025, als plötzlich ein Ehepaar aus Argentinien vor der Tür stand. Die beiden waren eigens nach Deutschland gereist, um Informationen über ihre Vorfahren zu finden, und machten dabei kurzentschlossen Halt im Weißenfelser Archiv. Mit Unterstützung der Mitarbeiterinnen konnte tatsächlich die Eheurkunde eines Vorfahren ausfindig gemacht werden – ein bewegender Moment, der neue Erkenntnisse über die Familiengeschichte brachte.

Für alte Ratsprotokolle interessierte sich wiederum der Niederländer Emile Meuffels, der für seine Doktorarbeit über Gottfried Reiche – bekannt als „Bachs Trompeter“ – im Stadtarchiv recherchierte. Gottfried Reiche, im Jahr 1667 als Sohn eines Schusters in Weißenfels geboren, wurde von der hiesigen Stadtpfeiferfamilie Becker zum Trompeter ausgebildet und war ab dem Jahr 1688 bei der Stadt Leipzig als Musiker angestellt. Ab dem Jahr 1723 arbeitete er für den Thomaskantor Johann Sebastian Bach. Unter dessen Leitung musizierte er im Oktober 1734 auch bei einer Aufführung für Kurfürst Friedrich August III. und verausgabte sich dabei vermutlich derart, dass er am nächsten Tag verstarb. Durch die Auswertung der Ratsprotokolle gelang es Emile Meuffels, unter anderem den genauen Wohnort der Familie Reiche zu ermitteln. Diese und weitere neugewonnene Forschungsergebnisse präsentierte der Doktorand im Juni 2025 im Rahmen der Weißenfelser Museumsnacht im Heinrich-Schütz-Haus.

Für große Freude sorgten im Weißenfelser Stadtarchiv im Jahr 2025 auch wieder Schenkungen. So überreichte der Weißenfelser Gerhard Bach mehrere Fotomappen mit Aufnahmen des ehemaligen Arbeitskreises für Fotografie. Die Bilder zeigen hauptsächlich Stadtansichten und sind ein wichtiges Zeugnis der städtebaulichen Entwicklung Weißenfels‘. Die Fotomappen werden von den Mitarbeiterinnen nun erschlossen. Zudem erhielt das Archiv eine Festzeitung aus dem Jahr 1905, die der ehemalige Lehrerseminar-Student Guido Traxdorf zum 10-jährigen Klassentreffen selbst gestaltet und liebevoll per Hand koloriert hat. Übergeben wurde dieses Zeitdokument von seinem Enkel. Bestandteil der Schenkung war auch ein kunstvoll gefertigter Porzellan-Pfeifenkopf, den Guido Traxdorf zum 25-jährigen Jubiläum im Jahr 1920 anfertigen ließ. Das aufwendig bemalte Einzelstück zeigt unter anderem das Kloster St. Claren, das einst als Domizil des Lehrerseminars diente. Dieses außergewöhnliche Erinnerungsstück wird nun in einer Vitrine im Archiv präsentiert.

Die Zusammenarbeit zwischen dem Stadtarchiv und dem Förderverein Museum Weißenfels e.V. hat mittlerweile Tradition. Mit dessen finanzieller Unterstützung aus der Spendenaktion „Paten gesucht“ bewilligte der Kulturausschuss im Mai 2025 Fördermittel für drei Restaurierungen. Zum einen wurden die Zeitungsausgaben des Weißenfelser Wochen- und Intelligenzblattes aus dem Jahr 1813 nach einem Wasserschaden restauriert und gebunden. Es handelt sich um die erste regionale Weißenfelser Tageszeitung, in der Geburten, Sterbefälle, Trauungen und kleine Anekdoten des Alltags veröffentlicht wurden. Die Erstausgabe erschien am 9. Januar 1813. Zum anderen konnten mit dem Geld zwei Schenkungen aus dem Vorjahr restauriert werden: die „Innungsartikel der Lohgerber zu Weißenfels“ aus dem Jahr 1670 sowie das „Innungsbuch der Lohgerberinnung zu Weißenfels“ aus dem Zeitraum von 1561 bis 1654. Das Innungsbuch ergänzt die älteren Akten im Archivbestand.