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Datum: 17.04.2026

»Erinnern ist nicht rückwärtsgewandt«

Anlässlich des 81. Jahrestages des Endes der Kriegshandlungen in Weißenfels gedachten am 12. April 2026 Vertreter der Bundeswehr sowie aus Politik und Wirtschaft der damaligen Todesopfer. Zugegen war auch Elaine V. Kelley als Vertreterin der Berliner US-Botschaft.

„Vom 12. bis 14. April 1945 erreichten Soldaten der 69. US-Infanteriedivision unsere Stadt“, sagte Oberbürgermeister Martin Papke zu Beginn der Gedenkfeier auf dem Weißenfelser Markt. „Ihr Einmarsch bedeutete das Ende von Krieg und nationalsozialistischer Gewaltherrschaft in Weißenfels. Für die Menschen hier war es der Beginn eines neuen Kapitels – eines Kapitels des Neuanfangs, der durch massive und harte Brüche in Folge geprägt war.“ Dieser Moment der Befreiung habe seinen Preis gehabt, so das Stadtoberhaupt weiter: „Fünfzehn amerikanische Soldaten, Weißenfelser Bürgerinnen und Bürger und auch deutsche Soldaten verloren in diesen Tagen ihr Leben – Ihnen gilt heute unser stilles, tief empfundenes Gedenken. Wir verneigen uns vor den Opfern.“

Wichtig sei, dass gemeinsam, bewusst und mit Verantwortung erinnert werde, fuhr Martin Papke fort: „Denn Erinnerung ist nicht rückwärtsgewandt, sondern gibt uns Orientierung für unser Handeln heute und für unsere Zukunft. Die Befreier von damals haben uns gezeigt, wofür es sich einzustehen lohnt: Für Frieden, für Demokratie, für Menschlichkeit, auch für die Versöhnung.“ Ein Blick in die Welt zeige, wie zerbrechlich Frieden und Freiheit seien, so der Oberbürgermeister weiter. Sowohl in Deutschland als in der Welt wären Entwicklungen wie eine zunehmende Polarisierung, demokratiefeindliche Tendenzen, Hetze und Verachtung gegenüber Minderheiten zu beobachten – auch mittels der Instrumentalisierung und Manipulation im digitalen Raum. „All das bedroht das Fundament unseres gesellschaftlichen Zusammenlebens, sowohl in den USA als auch in Deutschland – und das nahezu zur gleichen Zeit.“ Er sehe es als seine Pflicht, sagte Martin Papke weiter, gemeinsam mit dem Stadtrat und der Stadtverwaltung diesen Prozessen mit dem Blick auf Menschenwürde, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit entgegenzuwirken. Deshalb müsse Weißenfels „unter Berücksichtigung dieser geschichtlichen Würdigung für Respekt, Zusammenhalt und Toleranz stehen“, so der Oberbürgermeister.

Zum Schluss seiner Rede sprach das Stadtoberhaupt noch ein bedeutendes Jubiläum an: „Vor 250 Jahren wurde mit der Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten ein bis heute wegweisendes Bekenntnis zu Freiheit, Gleichheit und Selbstbestimmung formuliert. Diese Werte verbinden uns – Deutschland, Europa und die Vereinigten Staaten – damals wie heute.“ Sie seien das Fundament der deutsch-amerikanischen Partnerschaft und gemeinsame Verantwortung. „Lassen Sie uns zusammen dafür einstehen, dass Freiheit, Frieden und Demokratie Bestand haben“, schloss Martin Papke seine Ansprache.

Im Anschluss sprach Elaine V. Kelley, Vertreterin der diplomatischen Mission der USA, zu den Anwesenden. Sie berichtete, dass beide Großväter im Zweiten Weltkrieg gegen Nazideutschland kämpften. Sie selbst verbrachte wegen der Stationierung ihres Vaters in den 1980er Jahren einen Teil der Kindheit in drei deutschen Bundesländern: „Deutschland ist für mich mehr als eine Station in meiner diplomatischen Karriere, es ist ein Teil meiner eigenen Geschichte“, sagte sie.

Elaine Kelley wies im Fortgang ihrer Ansprache auch auf die Geschehnisse nach dem Ende der Kriegshandlungen hin: „Die amerikanischen Streitkräfte sorgten für die Sicherung der Stadt, die Versorgung der Bevölkerung und die Auflösung nationalsozialistischer Strukturen. Zugleich wurden die Verbrechen des Regimes sichtbar. So wurde deutlich: Die Befreiung war nicht nur ein militärisches Ereignis, sondern auch ein moralischer und politischer Einschnitt, der den Weg für einen Neuanfang ebnete.“ Nicht nur zum Erinnern kämen die Bürgerinnen und Bürger anlässlich der Gedenkfeier zusammen, sondern auch um das Versprechen zu bekräftigen, dass die Lehren der Vergangenheit Gegenwart und Zukunft prägen müssten, fuhr sie fort. Und schlussfolgerte: „Erinnern bedeutet mehr, als zurückzublicken. Es verpflichtet uns zum Handeln. Es fordert uns auf, heute die richtigen Entscheidungen zu treffen und die Zukunft bewusst gemeinsam zu gestalten.“

Als zentralen Teil dieser Verantwortung betrachtet Elaine V. Kelley Bildung. Sie wies in dem Zusammenhang auf das vom Leipziger US-Konsulat im letzten Jahr gestartete Social-Media-Projekt „Road to Freedom" hin, dass einer breiteren Öffentlichkeit Zugang zu dem Projekt „Wege der Befreiung 1945" des Museums im Capa-Haus gewähre. Dokumentiert sei der Vormarsch der US-Armee von der Normandie bis nach Mitteldeutschland. „Die Kampagne macht Gedenkorte in Thüringen, Sachsen und Sachsen-Anhalt – so auch hier in Weißenfels – sichtbar“, sagte sie. Und: „Wir haben beide Initiativen mit Stolz unterstützt – mit einer digitalen interaktiven Karte, einer Ausstellung und einem begleitenden Bildungsprogramm, das inzwischen mehr als 500 Schulen erreicht. Die Initiativen beleuchten ein zum Teil vergessenes Kapitel ostdeutscher Geschichte und laden zur differenzierten Auseinandersetzung mit der Frage ‚Wer befreite wen?‘ ein“, so Elaine Kelley bei dem Gedenken vor dem Weißenfelser Rathaus. Es gehe aber nicht nur darum, die Vergangenheit zu bewahren, fuhr sie fort, sondern in Bezug auf den Holocaust gelte es auch, die Warnsignale von Hass zu erkennen und eine sichere Zukunft aufzubauen – laut Elaine Kelly eine Verantwortung nicht nur staatlicher Stellen, sondern aller. „Der Kampf gegen Antisemitismus ist entscheidend für den Schutz unserer Demokratie“, sagte sie. Bürgerschaftliches Engagement und die Bereitschaft, mit Integrität und Einsatz zu handeln, seien starke Kräfte für positive Veränderung. „Indem wir kritisch denken, Annahmen hinterfragen und neue Perspektiven einbringen, können wir diesen Herausforderungen direkt begegnen. Handlungen, große wie kleine, machen einen Unterschied.“ Zum Abschluss ihrer Rede dankte Elaine V. Kelley Oberbürgermeister Martin Papke für das Erinnern und seinen Einsatz für die transatlantischen Beziehungen. Sie schloss mit den Worten: „Ich danke Ihnen allen für Ihr Engagement für Erinnerung, Versöhnung und Hoffnung.“

Generalarzt Dr. Bruno Most wies in seiner nachfolgenden Rede ebenfalls darauf hin, wie wichtig das Thema Politische Bildung und damit das Ziehen entscheidender Lehren aus der Vergangenheit zu Fragen der Würde der Menschen, Rassismus, Totalitarismus und dem damit verbundenen ‚Nie wieder‘ gerade für die jungen Soldaten sei. Der Kommandeur des Kommandos Sanitätsdienstliche Einsatzunterstützung sprach im Weiteren die Bedeutung des Kriegsvölkerrechts an: „Am 26. Juni 1946 wurde in San Francisco als Konsequenz des Zweiten Weltkriegs die Charta der Vereinten Nationen unterzeichnet. Sich dieser Charta verpflichtet zu fühlen, sollte gerade für uns Deutsche selbstverständlich sein.“ Denn in dem dortigen Artikel 2, der unmittelbar aus den Eindrücken des durch Deutschland entfesselten Angriffskrieges entstanden sei, heiße es: „Alle Mitglieder unterlassen jede gegen die territoriale Unversehrtheit oder politische Unabhängigkeit eines Staates gerichtete Androhung oder Anwendung von Gewalt.“ Generalarzt Dr. Bruno Most schlussfolgerte: „Wir Deutschen haben eine besondere Verantwortung für diese Charta der Vereinten Nationen – von unserem Boden darf nie wieder ein Angriffskrieg ausgehen.“ Auch die Verteidigungsanstrengungen dienten dieser Aufgabe: „Es muss ein klares Signal an jeden Aggressor gehen. Kriege lohnen sich nicht und sind kein Mittel, sein politisches System oder territoriale Forderungen durchzusetzen“, so der Kommandeur. Sollte es dennoch zum Verteidigungsfall kommen, verlange das Kriegsvölkerrecht, dass alles Mögliche getan werden müsse, damit weder zivile Objekte noch Zivilisten Angriffsziele seien. „Wir werden in der Ausbildung unserer Soldaten nicht müde, diese Prinzipien zu vermitteln“, sagte der Generalarzt. Zum Abschluss seiner Rede wies er auf den 1946 begründeten Internationalen Gerichtshof in Den Haag hin: „Dieser Gerichtshof hat in den letzten Jahrzehnten wichtige Entscheidungen zur Verfolgung von Kriegsverbrechen gesprochen. Wir Deutschen sollten die Institution in der Erinnerung an unsere eigene Schuld unterstützen und damit unserer Verantwortung für ein ‚Nie wieder von Angriffskriegen‘ gerecht werden.“

Im Anschluss an die Ansprachen legten die Anwesenden Kränze vor dem Rathaus Weißenfels nieder und gedachten in einer Minute des Schweigens der Opfer jener Tage im April 1945. Der Evangelische Posaunenchor begleitete die Gedenkveranstaltung musikalisch.